Davor und kurz danach

Wann wirkt ein Film fotografisch, wann eine Fotografie filmisch? Diese Frage stellt sich Jonas Lindstroem in seiner Arbeit zwischen Bild und bewegtem Bild. Als ehemaliger Student der Visuellen Kommunikation durchlief auch er die Basics. Nach seinem Diplom drehte er sein erstes Musikvideo und erschloss sich damit eine neue visuelle Welt. Zwei Jahre später nahm er sich die Zeit, gesammelte Ideen in der Videoinstallation Truth or Dare zu vereinen, die erstmals in der König Galerie gezeigt wurde. Darin thematisiert er Fiktion und Wirklichkeit, unsere gegenwärtige Bildkultur und portraitiert seine Generation. Heute kommt er uns besuchen, um von der Zeit seit seinem Diplom zu erzählen. Es ist hell, warm und gewohnt ruhig im Hof des Medienhauses der UdK. Durch die Blätter fällt ein angenehmer Halbschatten.

David: Gibt es etwas, das du von deiner Zeit an der UdK mitgenommen hast? Wie würdest du die Zeit beschreiben?

Jonas: Ich habe hier noch auf Diplom studiert und mochte den Freiraum sehr. Es wird einem zwar nichts auf dem Silbertablett präsentiert, aber man kann schon viel finden und machen, wenn man das will und das habe ich sehr geschätzt. Ich glaube auch, das Zusammensein war erstmal das wichtigste für mich, der aus einer totalen Kleinstadt kommt. Es war das erste Mal überhaupt, auf Leute zu treffen, die die eigene Sprache sprechen. Außerdem finde ich, dass hier der Ansatz an die Projekte ganz schön ist, weil er doch sehr fundiert und theoretisch ist. Es geht nicht unbedingt darum, wer etwas am besten umsetzt, sondern um die Ideen.

D: In den ersten zwei Semestern, den Basics geht es um die Grundlagen der Gestaltung. Es werden die Felder Bild, bewegtes Bild, Raum und Interaktion betrachtet. Was siehst du als Gestaltungsgrundlagen?

J: Ich habe damals – als ich hier angefangen habe – schon reflektiert, dass es keine Klasse für Fotografie gibt. Ich fand das aber eigentlich ganz interessant, dass es dieses umfassendere Studium ist und das ist in meiner Arbeit immer noch wichtig: das Fundament ist eben ein grundsätzliches visuelles Verständnis und nicht nur eines der Fotografie.
So habe ich auch angefangen: in meinen jugendlichen Jahren, als ich Skateboard gefahren bin habe ich alles ausprobiert. Wir haben Magazine, Filme und Fotos gemacht. Ich finde es interessanter, sich ein grundsätzliches visuelles Verständnis anzueignen, so dass man ein richtiges Gefühl dafür hat, auch wenn man nicht alles perfekt handwerklich können muss.

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D: Das Cover für das True Photo Journal finde ich ein Musterbeispiel – für deine Ästhetik, aber auch für die essentiellen Parameter der Bildgestaltung. Kannst du erzählen, wie das Foto entstanden ist?

J: Das Bild ist schon sehr komponiert, das stimmt ja… Die Idee war, ein ikonisches Familienbild zu machen, aber von einer anderen Seite. So eine Art moderne Familie, die aber in ihrer visuellen Darstellung total auf klassische Ikonendarstellungen zurückgeht. Ich fand es interessant, das in einen modernen Kontext zu bringen. Dazu gab es als Referenz ein altes Erwin-Blumenfeld-Foto (Mode- und Werbefotograf), das aber tatsächlich ganz anders aussieht. Die Personenanordnung hat mich inspiriert.
Es gab also den groben Gedanken an diese Leute und einen Ort, wo man einen freien Blick auf den Himmel hat. Die Idee, alle schwarz anzuziehen, sodass die Körper komplett verschwinden und es nur um die Köpfe geht und diese Reihung war dann natürlich auch ein Stück weit Intuition. Also ich will überhaupt nicht sagen, dass das Bild so wie es jetzt da ist, genauso ausgedacht war. Es ist dann auch einfach Fotografie, im Sinne von: man fängt den richtigen Moment ein.

D: Wie nutzt du das Medium Fotografie?

J: Fotografie war für mich immer das Medium, mit dem ich den wenigsten Widerstand gespürt habe. Das ist das, was ich immer versucht habe: Wie findet man eine Möglichkeit Bilder oder Ideen so intuitiv wie möglich in eine Form umzusetzen? Für manche ist das ein Gemälde, für andere ist das ein Stück Musik, für wieder andere ist das Architektur und für mich war das in meiner ganzen Auseinandersetzung mit visuellen Dingen die Fotografie. Dabei werde ich eins mit der Kamera und kann sehr intuitiv Bilder finden und die Dinge festhalten, die ich aussagen will. Das steht im Kontrast zum Film, wo dieses Verschmelzen schwieriger ist, weil der Produktionsaufwand viel größer ist. Aber ich versuche mit dem Film ein Stück weit da hinzukommen.

D: Wie kommst du dieser Arbeitsweise im Film denn näher?

J: Mit den Leuten, mit denen ich öfter zusammenarbeite, habe ich eine gewisse Arbeitsweise entwickelt. Wenn das Projekt richtig vorbereitet ist, gibt es trotzdem einen gewissen Spielraum, spontan auf die Dinge zu reagieren und mit dem Fluss zu gehen, der an so einem Tag entsteht. Das ist wie eine Versuchsanordnung: man plant alles so gut es geht, aber dann ist es genauso wichtig, auch im richtigen Moment loslassen zu können und sich auf etwas ganz anderes einzulassen. Je besser man vorbereitet ist, umso einfacher ist es loszulassen, weil man sich der Sache sicher ist und dann auch sicher ist, sich darin zu verändern.

D: Wie gehst du im Film mit all den Parametern, wie Sound, Musik und Dramaturgie um?

J: Das passt ganz gut, zu dem was wir vorhin besprochen haben, zu den Grundlagen. Man muss für die verschiedenen Disziplinen ein Gefühl, eine Meinung oder ein kulturelles Verständnis entwickeln. Ich muss kein Musiker sein, aber ich muss als Filmemacher natürlich eine Meinung zu Musik und ein Gefühl dafür haben.
Im Film übernehme ich die Rolle des Regisseurs und beim Fotografieren bin ich die Person, die die Kamera hält. Aber die Rolle des Regisseurs – also aus dem Englischen „directing“ – ist das Koordinieren und das Zusammenbringen von Leuten. Beim Filmemachen habe ich selbst nie Technik in der Hand. Alleine das ist schon der große Unterschied. Als Fotograf ist man ja in einer aktiv gestaltenden Position und als Regisseur ist man in einer leitenden Funktion. Beim Filmemachen muss man sich deshalb immer auch artikulieren und nur so gut wie du kommunizierst, so gut wird auch das Endergebnis. Das ist ein großer Unterschied in der Arbeitsweise.

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D: Deine Arbeiten haben einen hohen Wiedererkennungswert. Wo positionierst du dich mit deiner Ästhetik oder hat das für dich überhaupt Relevanz? Welche Einflüsse gibt es?

J: Das ist auf jeden Fall relevant. Eine wichtige Sache in dem Zusammenhang ist, dass ich mich entschieden habe digital zu arbeiten, obwohl es in der Modefotografie und im Hollywoodfilm gerade eine sehr große Rückbesinnung auf die analogen Medien gibt.
Und immer interessant: das Thema Deutschland. Wir sind geprägt von der amerikanischen Kultur und ich habe auch eine gewisse Aversion gegen so eine deutsche Ästhetik, gegen so eine deutsche Tatort-Ästhetik. Trotzdem ich bin ganz bewusst hiergeblieben, weil ich es wichtig finde, diesen Ort zu nutzen, als das was er ist. Viele meiner Projekte sind hier in Berlin entstanden, obwohl sie zum Beispiel für Kendrick Lamar sind. In Amerika kannst du dich an jede Straßenecke stellen und es sieht sofort gut aus. In Deutschland passiert das nicht. Ich frage mich oft warum das so ist. Warum sehen amerikanische Filme so viel besser aus als deutsche? Warum sieht so ein Tatort so schlecht aus? Das ist zwar kein Kernthema meiner Arbeit, aber wenn wir jetzt von einer visuellen Kultur sprechen, finde ich es interessanter, mich als jemand von hier zu sehen, als einfach zu sagen, ich verfolge einen internationalen Stil.

D: Welche Möglichkeiten oder Stärken bieten die beiden Medien Fotografie und Film?

J: Das sind viele… Also der Film ist immer eine Summe seiner Teile. Er ist immer im Zusammenhang mit dem Schnitt, mit Musik und einem Sound zu sehen. Der Film zieht seine Kraft aus diesem Momentum, der entsteht, wenn das richtige Bild mit der richtigen Geschichte, dem richtigen Charakter, der richtigen Musik, und dem richtigen Schnitt zusammenkommt. Das kann eine totale Kraft haben, die auch sehr anziehend ist. Im Film ist es schon wichtig in Bildern zu denken, aber es ist genauso wichtig in Geschichten zu denken: Wie sah der Moment fünf Sekunden vorher und fünf Sekunden nachher aus?
Fotografie funktioniert ganz anders, sie ist so viel direkter. Ein Gefühl wird in einen Moment gebannt, das nur dieser eine Moment transportieren kann und was der Film gar nicht unbedingt besser macht, oder er das dem sogar softmals nimmt. Man muss auf jeden Fall immer einen Mehrwert haben dadurch, dass es jetzt ein bewegtes Bild ist. Und manchmal ist der Mehrwert gerade, dass es der eingefrorene Moment ist. Es gibt Fotos die ihre Stärke aus einer Pose, einer Grafik oder einer Komposition ziehen und deswegen starke Fotos sind. Und du kannst einfach keine stille Pose in einen Film übersetzen. Beim Film geht es um Bewegung. Ich glaube es sind gewisse Eigenheiten, die starke Fotos definieren können und die man gar nicht auf den Film übertragen kann, weil sie so zur Fotografie gehören.

D: Welche Entwicklung erfahren Film und Fotografie aktuell?

J: Innerhalb der letzten fünf Jahre sind wir fast einen Schritt zurückgegangen. Wir sind jetzt wieder bei der Kommunikation mit Bildern und das ist keine neue Kulturtechnik, sondern war ja schon im alten Ägypten der Fall. Ich hatte irgendwo gelesen, dass in der Kommunikation zwischen Menschen vor ein paar Jahren das erste Mal mehr Bilder verschickt wurden als Texte. In allen Bereichen unserer Welt sind Bilder auf dem Vormarsch, ob stilles oder bewegtes Bild. Und Bilder sind in Debatten um Wahrheit und Fake News zum Instrument geworden und auch eben eine Waffe.

D: In deiner Videoarbeit Truth Or Dare gibt es viele gewaltvolle Szenen: Ein Selfie vor einer Stichflamme, der Selbstmord eines jungen Mädchens oder eine Frau in weißem Kleid von einem Balkon stürzend. Du stellst sie aber sehr ästhetisch dar. Welche Wirkung erzielst du mit diesem Gegensatz von Anmutigkeit, Schönheit und purer Gewalt?

J: Diese Gegensätze sind schon bewusst da und ziehen sich auch bewusst durch meine Arbeit. Es geht nicht nur um Hoffnungslosigkeit, oder um Gewalt oder um Schönheit. Es geht um alles und was dazwischen entsteht. In unserer heutigen Welt ist es nämlich genau diese Gleichzeitigkeit die so interessant ist: Du sitzt zuhause vor deinem Computer und guckst auf dem einen Kanal die schlimmste Nachrichtenmeldung aus dem nahen Osten oder über die Flüchtlingskrise, im nächsten Moment hörst du aber kontemporäre Popmusik, bestellst irgendwas online und chattest mit deinen Freunden.
In unseren Geräten ist diese Gleichzeitigkeit ja vereint. Und wir sind es mittlerweile gewohnt zwischen diesen verschiedenen Gefühlen hin und herzuwechseln.  Es ist auch interessant zu überlegen, was das mit den Leuten macht. Früher waren die Erfahrungen viel singulärer. Du hast dich vielmehr auf eine einzige Sache eingelassen und heute ist diese Gleichzeitigkeit zu einem Kulturmodus geworden.

D: Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

J: Truth or Dare soll sicherlich nicht das einzige persönliche Projekt bleiben. Ein Ziel von mir wäre auch irgendwann mal einen richtigen Langfilm anzugehen und zu überlegen, wie das für mich aussehen könnte. Das ist etwas, was ich wahnsinnig gerne machen würde. Nicht unbedingt morgen, aber vielleicht irgendwann mal. Und grundsätzlich will ich mir einfach so die Räume schaffen, mich immer wieder selbst herauszufordern und Projekte zu machen, die ich hauptsächlich aus mir selbst und für mich selbst mache.

D: Welchen Rat gibst du jungen Kreativen, die einen ähnlichen Weg gehen wollen?

J: Ich glaube, man sollte nur begrenzt diesem Drang nachgeben seine Arbeit schon überall zu veröffentlichen. Das ist ja das, was einem diese ganzen Dinger (zeigt auf sein Smartphone) eigentlich diktieren: du musst die ganze Zeit Output generieren. Es ist wahnsinnig wichtig – heutzutage mehr denn je – sich die Zeit und den Raum zu geben, seine Stimme auszuformulieren. Ich habe jetzt auch schon ein paar Vorträge an Unis gehalten und habe immer das Gefühl bekommen, dass bei den Studierenden der Drang sehr groß ist ’rauszukommen.
Ich glaube aber, die Stärke liegt darin, das erstmal nicht zu tun. Wenn man zu schnell in dieses ganze Ding reingezogen wird, dann ist es wahnsinnig schwer, seine eigene Stimme zu finden und seiner Arbeit treu zu bleiben. Ich glaube nichts ist wichtiger, als bei sich selbst zu bleiben. Damit hat man auf lange Sicht die viel stärkere Position.

D: Vielen Dank, Jonas, für das Interview.