„migrare - advenire“ von David Reitenbach: Zwei Bilder, die 1000 Jahre und 2000 Kilometer trennen. Verbunden durch das Thema der Ankunft und ihre visuelle Sprache. „Refugees - eine große Herausforderung“, Fotografie von Herlinde Koelbl, 2016, „Verkündigung an die Hirten“, Illustration von Perikopenbuch Heinrichs II, um 1010
Kaum Tiefe und Aufteilung durch Farbflächen
Figurenschablonen und geringe Körperlichkeit
Starke Mimik und große Augen

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Vier Männer, ein Zebrastreifen. Zwei Türme, ein Flugzeug. Eine Frau, eine Muschel. Hier genügen je vier Worte, und die zugehörigen Bilder erscheinen vor unserem inneren Auge.

In diesem Seminar untersuchen die Studierenden Bilder in ihrer Beziehung zueinander oder in der Wechselwirkung mit Text. Anhand selbstgewählter Bilder stellen sie sich folgenden Fragen: Wie beschreibt man ein Bild knapp und präzise? Gibt es Aspekte, die nicht durch Text vermittelt werden können, oder lässt sich ein Ton finden, der dem Bild entspricht? Gibt es inhaltlich und formal Ähnliches, Konträres oder auch Verweise zwischen Bild und Text? Kann ein Bild durch andere Bilder vollkommen beschrieben werden – und wie verändert sich das Bild durch die jeweilige Art der Beschreibung? Es geht dabei um das Experiment, das Aufdecken von Schichten und darum, zu erforschen, was hinter einem Bild steckt.

In welcher Form die Studierenden das Material ihrer Untersuchungen verarbeiten, ist ihnen freigestellt. Die Ergebnisse sind so vielfältig wie die gewählten Bilder selbst – sie reichen von Büchern und Plakaten über Videos und Webseiten bis hin zu einer begehbaren 3D-Welt.

Tafeln-Bild-Text-Bild-final1„Trage einen Schwan“

Der Schwan ist tot. 1997 schoss Annie Leibovitz ein Foto von Leonardo DiCaprio mit Schwan um den Hals – Leo with a Swan – und dieser Schwan ist tot. Im selben Jahr kam der mit elf Oscars ausgezeichnete Film Titanic in die Kinos, in dem der Schauspieler als Jack Dawson die Herzen der Menschen eroberte, bevor ihn die eisigen Wogen des Atlantiks verschlangen. Der Hintergrund der Schwarz-Weiß-Fotografie ist unscharf, Gras zeichnet sich ab, eine Struktur sanfter, geschluckter Lichter, leichter Bewegung. Der Fokus liegt jedoch auf der rechten Bildhälfte. Ernste Augen blicken aus einem androgynen, fast femininen Gesicht in die Kamera. Der Blick, in all seiner Härte, ist weich, stark, sehnsuchtsvoll. Nichts bricht.

Kopf und Schwan heben sich stark von dem schwarzen Rollkragenpullover der Person ab, Unterarme und Hände in Halbtönen umfassen den weichen Schwanenkörper in einer zärtlichen, behutsamen Geste. Der Schwan: die Unschuld und Reinheit, das hellste Element. Zeus, in einen Schwan verwandelt, verführt Leda; Helena, die schönste Sterbliche der griechischen Mythologie, die aus dem Ei geborene Tochter. Leonardo DiCaprio, die schönste Sterbliche der 1990er Jahre. Der sterbende Schwan: im Tanz, in Bewegung, im Schwinden, im Moment. Festhalten an etwas, das es schon nicht mehr gibt, das man bereits verloren hat, das sich entzieht. Der Moment, der immer schon vergangen ist. Den Schwan im Sterben halten, einfangen im Bruchteil der Zeit, in der Fotografie. In Griff und Ausdruck: die Liebe zu etwas Lebendigem und gleichzeitig der wahr gewordene Verlust. Leonardo DiCaprio wie ein Hundewelpe, von dem man nicht möchte, dass es groß wird. Nur der Schwan ist tot.